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Die Stadt sind alle

Overtourism, Umwegrentabilität, Abschöpfungsquote. OK, vielleicht nicht die liebevollsten und freundschaftlichsten Begriffe für das Verhältnis Gast und Einheimischer. Aber sehen wir im Gast überhaupt etwas anderes als einen Wertschöpfungsgenerator? Wie würde sich unsere Sicht ändern, sähen wir ihn als Wertschätzungsgenerator? Als einen von uns, als Einheimischer auf Zeit?

Die Stadt Kopenhagen hat in Anlehnung an einen alten R.E.M.-Klassiker nicht weniger als „The end of tourism as we know it“ ausgerufen. Was haben die Dänen nur vor? Abbau aller Hotels? Airbnb for free? Weder noch. Vielmehr schwebt ihnen „Localhood for everyone“ vor. Eine neue Form der Nachbarschaft. Die Koexistenz von Touristen und Einheimischen. Natürlich ist die mehrjährige Strategie von WONDERFUL COPENHAGEN, dem touristischen Destinationsmanagement der Stadt, keine Sozialstudie, sondern in erster Linie weiterhin ein Markenkonzept. Dennoch war die Stadt an der Ostsee die erste, die das Verhältnis zwischen Gast und Einheimischer strukturell als Beziehung beschreibt.
Die wichtigsten Punkte aus dem Konzept:

  • Heutzutage wollen immer weniger als Touristen identifiziert werden. (Wem sagen die das. Gibt es eine schlimmere Schmach als in Wien von den vielen Mozarts als Tourist angesprochen zu werden?) Stattdessen suchen neue Generationen von Reisenden nach Erfahrungen, jenseits der Instagramtauglichkeit. Sie wollen „ihre Hände schmutzig machen“ und vor Ort anpacken.
  • Vom Marketing zum Aktivieren. Die Rolle der Destination (DMO) ändert sich. Mit dem Ende des Tourismus wird auch das Ende des Marketings, wie wir es kennen eingeläutet. Die Rolle der DMOs verschiebt sich. Nicht das kommunizierte Image reizt, sondern die Möglichkeit der Erfahrung. DMOs werden zu Entwicklern und Unterstützer jener Produkte, die eine Involvierung der Gäste ermöglicht. Es geht um die Einbeziehung der richtigen Leute zur richtigen Zeit, um die richtigen Geschichten erzählen zu können.
  • Ein Reisender vereint alle Arten des Daseins. Der Reisender ist nicht eine „Zielgruppe“, so als wäre er in seinem Wesen monokausal. Nicht erst durch die Möglichkeiten der Digitalisierung verschwimmt die Zuordnung wann man reist, wann man arbeitet oder sich in der Freizeit befindet. Communitys entwickeln sich heute über Grenzen hinweg, fern ab von Nationen oder Generationen. Ein Airbus 380 mit 615 Passagieren an Bord ist nicht die Rudelbildung einer Gruppe „Deutscher“, oder „Pauschaltouristen“, sondern eine große Gruppe von Individuen, von denen jedes seine eigenen Motive, seine eigene Kultur und seine eigene Art der Beziehung zu anderen hat.

Shaping Vienna

Auch die Stadt Wien hat ihren Blick erweitert und eine neue Tourismusstrategie unter dem Titel „Shaping Vienna“ formuliert. Die Visitor Economy ist, so das Konzept, weit mehr als die herkömmliche Tourismuswirtschaft.

Nicht nur werden sämtliche durch den „Visitor“ ausgelösten direkten und indirekten Effekte für die Stadt betrachtet. Auch der „Visitor“ selbst ist mehr als ein Tourist. „Visitors sind klassische Freizeitgäste, die Wien etwa übers verlängerte Wochenende besuchen, ebenso wie Tagesgäste, die einen Shopping- oder Museumstag in Wien verbringen; Geschäftsreisende ebenso wie KongressteilnehmerInnen. Visitors sind aber auch all jene WienerInnen auf Zeit, die vorübergehend in Wien studieren oder als MitarbeiterInnen internationaler Unternehmen oder Organisationen in Wien leben und arbeiten.“

Wiens Studie geht in der Analyse der Beziehung nicht so weit wie Kopenhagen. Nicht nur stellt sich die Frage, warum Studierende als Visitor und nicht als Wiener gelten (Braucht es echtes Wiener Blut, um kein Visitor zu sein?). Auch strukturell ist die Studie eher eine Erweiterung des Blickwinkels denn ein echter Paradigmenwechsel. Aber immerhin. Auch für Shaping Vienna sind Visitors integraler Bestandteil einer funktionierenden Stadtökonomie und damit viel mehr als nur Bettenfüller.

Und was ist mit unseren Gästen?

Vorarlberg Tourismus muss dieses Jahr seine Tourismusstrategie2020 überarbeiten. (So ist das mit den Strategien mit Jahreszahlen im Titel: Eben noch der moderne Nimbus der Zukunft und zack, schon schnöde Gegenwart). Eine der wichtigsten Säulen dabei ist die „Gastfreundschaft“. Wir könnten für die Tourismusstrategie2025 ja statt der GASTfreundschaft die GastFREUNDschaft in den Mittelpunkt unserer Bemühungen rücken. Eine auf Gegenseitigkeit und Gleichheit beruhender Beziehung, in der beide Seiten voneinander lernen und sich dadurch entwickeln können.

Weiterführend Links

The end of Tourism as we know it (PDF)

Shaping Vienna

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