Geht’s nicht auch fairer?

Ein neues Telefon kommt auf den Markt und die Massen verhalten sich wie bei der Rückkehr des Messias. Wir fragen uns: Ist Fairness nicht wichtiger als Face-ID? Taugt vielleicht das Fairphone 2 als Standardsmartphone unserer Firma? Ein Selbstversuch.

 

Wenn es noch so etwas wie Ablasshandel gäbe, wäre wohl die lange Wartezeit auf ein bestelltes Produkt die moderne Form davon. Vor über vier Monaten hatten wir das Fairphone 2 bestellt. Wir wollten prüfen, ob das Gerät für den Alltag bei uns im Haus geeignet ist.

Aber lange Lieferzeiten aufgrund der großen Nachfrage machten die Wahl zum Geduldsspiel. An sich ein gutes Zeichen, wenn wir nicht die einzigen sind, die sich Gedanken über die Herkunft ihres Telefons machen. Mittlerweile wurde das Fairphone mit dem Umweltsiegel „Blauer Engel“ ausgezeichnet und erhielt den Deutschen Umweltpreis 2016. Und laut einer Studie der Deutschen Umwelthilfe (DUH) und des Fraunhofer-Instituts IZM ist das „Fairphone einzigartig nachhaltig, der modulare Aufbau bahnbrechend.“

Nun liegt es also auf dem Schreibtisch. Bereits der erste Blick in die Box verwundert. Darin befindet sich einzig das Telefon. Kein Ladekabel, kein Kopfhörer, kein USB-Kabel.

Konsequent. Denn auch wenn die Kabel nie da sind wo man sie sucht, habe ich sicherlich fünf Ladekabel und mindestens so viele In-Ear-Stecker irgendwo in meinen Schubladen. Weniger ist definitiv mehr.

Ausgepackt die nächste Erkenntnis: Einen Lava-Award wird das Telefon durch seine modulare Bauweise eher nicht erhalten. Liegt doch klobig in der Hand und verfügt durch seine Kunststoffrückseite über deutlich weniger Handschmeicherqualität als beispielsweise ein Sony XZ.

Andererseits, die meisten Nobelgeräte werden im Alltag eh in Schutz-Bumper aus verdächtig riechendem Plastik gepackt. Der ist beim Fairphone mit seinem recycelten Polycarbonat bereits Teil des Gehäuses. In der Hosentasche liegt das Fairphone also gleich wie ein verpacktes Standardsmartphone.

Wenn man die Kunststoffrückseite abnimmt, kommt man zur eigentlichen Innovation des Gerätes:
Sämtliche Teile von Kamera über Display und Akku können mit wenigen Handgriffen ausgebaut und bei Bedarf gewechselt werden. So muss beispielsweise bei defekter Kamera nicht mehr das ganze Gerät entsorgt werden.

Im Moment ist aber noch kein Wechsel angesagt. Eher der Alltags-Härtetest. Als Software wird Standardmäßig Android 6.0 Marshmallow installiert. Nerds (oder alle Personen mit mehr Technikaffinität als ich) können auch auf Alternativprogramme wie Ubuntu zurückgreifen. – Nachhaltigkeit beinhaltet eben auch den sorgsamen Umgang mit Software-Monopolen.

Alle nötigen Apps laufen einwandfrei, die Akkuleistung ist auch Standard. Nicht wirklich bahnbrechend die Kamera. Für den normalen Büroalltag, wie beispielsweise den morgendlichen Qualitätscheckrundgang ums Haus, mehr als ausreichend. Stimmungsbilder bei den Zwischentönen machen wir wohl weiterhin mit dem I-Pad Mini oder lassen Profifotographen ran.

Das Resümee der ersten Tage: Adorno hatte wohl Recht, wenn man sieht, dass auch das Fairphone es nicht schafft, maximale Transparenz und Fairness in der Produktion zu garantieren. Zu verworren sind die Wege der Materialien und Zulieferungsketten. Da ist ein richtiges Leben im falschen verdammt schwer. Aber er schreibt auch, man dürfe sich den Sinn für das Richtige nicht nehmen lassen. Und so ist der Versuch, es besser zu machen und nicht stehenzubleiben genau das was es braucht.