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Vom Anschluss und der guten Nachbarschaft

Am 11. Mai 1919 stimmte die Vorarlberger Bevölkerung mit einer Mehrheit von 82 Prozent für einen Anschluss an die Schweiz. Nur vier Monate später wurde im Friedensvertrag von St. Germain die Republik Österreich gegründet und die begonnenen Beitrittsverhandlungen fanden ein rasches Ende. Die florierenden Beziehungen zwischen Vorarlberg und der Ostschweiz setzten sich jedoch nahtlos fort.

Während in vielen anderen benachbarten Gebieten jedes Zugehörigeitsgefühl strikt mit der Ländergrenze endet, pflegen Vorarlberg und die Schweiz eine wohlwollende und scheinbar selbstverständliche Nachbarschaft. Und obwohl fast 100 Jahre vergangen sind, gibt es auch heute noch Stimmen, für die ein Kanton Vorarlberg alles andere als unvorstellbar wäre. Warum das so ist, zeigt eindrücklich genug der Arlberg – so sagen viele Österreicher. Aber wie das genau ist – und warum das immer so geblieben ist, sogar heute, wo Berge längst keine Hindernisse mehr sind – darüber hat Jost Hochuli, ein Schweizer Typograf, Verleger, Herausgeber und Autor, sich Gedanken gemacht. Es sind gute Gedanken und manche davon wurden 2017 in prägnanter, aufschlussreicher und nicht zuletzt auch humorvoller Form zusammengetragen: im Alphabet der guten Nachbarschaft.

Jost Hochuli und seinen ehemaligen Schüler Roland Stieger, beide geboren im Kanton St. Gallen, verbinden zahlreiche Kooperationen, eine jahrelange Freundschaft und eine gemeinsam publizierte Schrift. Diese Schrift namens Allegra ist das typografische Grundelement im Alphabet der guten Nachbarschaft. Sein Inhalt spricht vom notwendigen Blick über den eigenen Tellerrand und vom Wert einer gut gepflegten Nachbarschaft. Im Gespräch mit den beiden Schweizer Typographen wurde deutlich, dass das Wesen der Nachbarschaft eine Grenze bedingt – und der Zusammenschluss von Vorarlberg und der Schweiz eine utopische, wenn auch sehr sympathische Vorstellung ist.

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Historisch gesehen, wäre Vorarlbergs Anschluss an die Schweiz tatsächlich denkbar gewesen? Oder gar sinnvoll?

Ein Anschluss war 1919 nicht sinnvoll, weil er nicht denkbar war, und denkbar war er nicht aus zwei Gründen: Erstens, aus einem konfessionellen Grund. Das Gewicht zwischen der evangelisch-reformierten und der katholischen Bevölkerung wäre gestört worden. Die damalige katholisch-konservative Partei war aggressiv ultramontan. Ihre Nachfolgepartei, die Christlichdemokratische Volkspartei, ist heute eine Mittepartei, die zwar großmehrheitlich katholisch ist, aber einen liberalen Katholizismus vertritt. Eine wesentliche Öffnung für protestantische Christen ist ihr nicht gelungen. Es gibt zwar eine Evangelische Volkspartei, doch spielt sie keine bedeutende Rolle.

Zweitens aus einem sprachpolitischen Grund, der noch gravierender als die konfessionelle Frage ins Gewicht fiel – und auch eine Frage verschiedener Mentalitäten war (und ist). Die Schweiz, eine 1848 gegründete viersprachige Willensnation, war nie vor und nach dem Ersten Weltkrieg einer solchen Zerreißprobe ausgesetzt wie während dieser Zeit. Das hing damit zusammen, dass ein großer Teil der deutschsprachigen Bevölkerung mit den Mittelmächten sympathisierte (Deutsches Reich, Österreich-Ungarn, Osmanisches Reich und Bulgarien), während die romanische Schweiz, vor allem die französischsprachige Romandie, eindeutig auf der Seite der Entente stand (Frankreich, Großbritannien, Russland). Der damalige Oberbefehlshaber der Schweizer Armee, General Urich Wille, verheiratet mit einer Gräfin von Bismarck, war offen deutschfreundlich und wollte 1915 sogar den schweizerischen Bundesrat dazu bewegen, an der Seite des deutschen Kaiserreichs in den Krieg einzutreten. Der Graben zwischen der romanischen und der deutschsprachigen Schweiz war gefährlich groß. Unter diesen Umständen war eine Vergrößerung der deutschsprachigen Schweiz durch die Angliederung von Vorarlberg 1919 nicht denkbar.

Während heute die konfessionelle Frage kaum mehr ins Gewicht fiele, wäre es für die Schweiz auch heute nicht möglich, die sprachpolitischen und mentalitätsrelevanten Gesichtspunkte zu ignorieren. Das staatspolitische Konstrukt Schweiz ist zu diffizil. Aus wirtschaftlicher Perspektive gibt es allerdings durchaus Stimmen, die auf das Potential einer verstärkten Zusammenarbeit zwischen der Ostschweiz und Vorarlberg hinweisen. »Die Schweiz hört in Winterthur auf« – im Volksmund ein geflügeltes Wort. Die Ost- schweiz fühlt sich von »Bern« tatsächlich oft vernachlässigt, nicht immer zu Unrecht. Eine engere Kooperation mit Vorarlberg erscheint deshalb manchen Ostschweizern, vor allem Wirtschaftsvertretern, als wünschenswert.

Welches sind die Stichworte, die Ihnen als erstes einfallen, wenn sie an Gemeinsamkeiten von Vorarlberg und der Ostschweiz denken?

Der verwandte Dialekt, der Rhein und die Landschaft, ebenso Freundschaften, die seit eh und je über den Rhein hinweg gepflegt werden. Und dann natürlich die gemeinsame alemannische Mentalität, eine nüchterne, dem Boden verhaftete, aber durchaus nicht phantasielose, arbeitsame und sparsame Natur – in Vorarlberg vielleicht um ein Gran weniger schwer als westlich des Rheins.

Und was können Vorarlberg und die Ostschweiz voneinander lernen?

Zuerst einmal: Die nächsten Nachbarn auf beiden Seiten des Rheins sind ungleich. Vorarlberg hat ein größeres kulturelles Selbstverständnis. Während in Vorarlberg – in Bregenz, Dornbirn und Feldkirch – in den letzten Jahrzehnten größere kulturell interessierte Schichten und aktiv schaffende Gruppen entstanden sind, ist Ähnliches auf Schweizer Seite kaum feststellbar. Das Rheintal ist eine Hochburg der weit rechts stehenden und mehrheitlich kulturkritischen oder sogar kulturfeindlichen Schweizerischen Volkspartei. Die kulturell interessierten Kreise finden sich, nicht nur, aber hauptsächlich im st.gallischen »Hinterland«, in der Stadt St.Gallen und in den Kantonen Appenzell Außer- und Innerrhoden.

Was die Vorarlberger von den Ostschweizern lernen könnten, ist uns schleierhaft. Da fällt uns eigentlich nichts ein. Die Ostschweizer hingegen könnten einiges von den Vorarlbergern lernen: Da wäre der sorgfältige Umgang mit den gewachsenen Ortsbildern – was eine hochwertige, moderne Architektur nicht ausschließt. In Vorarlberg finden moderne und historische Elemente wie selbstverständlich zusammen. Da wäre auch die zuvorkommende Gastfreundschaft. Oder schlicht die musische Atmosphäre, die sowohl kulturell als auch wirtschaftlich Erfolge zeigt.

Was schätzen Sie persönlich an Vorarlberg, was ist Ihnen dagegen fremd?

Roland Stieger: Ich schätze die Gastfreundschaft, das feine Essen, die schöne Architektur, den Werkraum Bregenzerwald, Kulturveranstaltungen wie das Poolbar-Festival, das Alte Kino Rankweil, die Kulturbühne Ambach in Götzis, das Naturmuseum Dornbirn, das Kunstmuseum Bregenz, die regionale k für den Austausch unter Gestaltern in Vorarlberg, in der Ostschweiz und in Süddeutschland, kuratiert von Hans-Joachim Gögl, das Designforum Vorarlberg, Tage der Utopie, die Zwischentöne in Feldkirch – ja und die POTENTIALe und und und … überhaupt den Blick von Vorarlberg in die Schweiz. Und was mir fremd ist? Ich würde sagen, am wenigsten interessiert mich der reine Einkaufstourismus.

Jost Hochuli: Ich schätze die weitgehend unzerstörte Landschaft im Bregenzer Wald, im Klein- und im Großwalsertal. Das haben wir diesseits des Rheins leider nicht mehr. Ich schätze auch viele unzerstörte oder mit Sorgfalt weiter gebaute Ortschaften, insbesondere die beeindruckende Zahl architektonisch hervorragender Bauten. Mir scheint auch, die Bevölkerung sei freundlicher in Vorarlberg als in der Schweiz und, wie oben schon erwähnt, musischer. Der Volksgesang scheint mir einen viel größeren Stellenwert zu haben als bei uns. Schade ist, dass der Dialekt nicht gepflegt wird. Was ich in Vorarlberg als Dialekt zu hören bekomme, ist eine Mischung aus Dialektbrocken und Hochdeutsch. Schämt man sich hier des Dialekts?

Jost Hochuli, von Ihnen kommt die Idee zum Alphabet der guten Nachbarschaft. Wie ist diese Idee entstanden?

Es waren Begegnungen mit Berufskolleginnen und -kollegen aus Vorarlberg, die mich vor Jahren schon auf den Gedanken brachten, dass es schön wäre, wenn man sich öfter treffen würde. Eine simple Idee, die ich mit dem kleinen Heftchen und im Zusammenhang mit der POTENTIALe ein wenig ausspinnen und unter die Leute bringen wollte – in der Hoffnung, damit etwas zu bewirken.

Wie könnte die Idee des Hefts fortgeführt und im Alltag erlebbar werden?

Ein bisschen was haben das Heft und die Zusammenarbeit mit der POTENTIALe bereits ausgelöst. Unser Schwärmen von Vorarlberg, von der Konzertkultur, der Architektur, von schönen Freundschaften ist immer auf Resonanz gestoßen und viele Ostschweizer haben sich auf den Weg über den Rhein gemacht. Was sich daraus jedoch entwickeln ließe, das wäre in einem größeren Kreis zu diskutieren. Persönlichkeiten von beiden Seiten des Rheins sollten sich gemeinsam darüber Gedanken machen. Denkbar wären kleinere Aktivitäten, die möglichst viele Menschen hüben und drüben involvieren und keine großen Kosten verursachen würden: ein Austausch von Schülerinnen und Schülern von Textil- und Gestalterschulen oder ein Erarbeiten gemeinsamer Projekte innerhalb dieser Schulen; die gemeinsame Planung von Ausstellungen, die beidseits des Rheins gezeigt werden; Auftritte von MusikerInnen verschiedener Gattungen, Theater, Kabaretts und Lesungen; grenzüberschreitende sportliche Aktivitäten; naturkundliche und volkskundliche Exkursionen. Alle diese Anlässe sollten unter dem Dach der Organisation »Gute Nachbarschaft« stattfinden und so den Gedanken allmählich in eine breitere Öffentlichkeit tragen.

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